Gerät ein Unternehmen in Schwierigkeiten, mangelt es dem Verwaltungsrat selten an Ratschlägen. Er erhält Beschreibungen des rechtlichen Rahmens, Aufzählungen seiner Pflichten und Schlussfolgerungen, die mit «es kommt darauf an» enden. Das alles mag zutreffen. Entscheidungsreif ist nichts davon. Was ein Verwaltungsrat in der Krise braucht, ist kein Gutachten zur Rechtslage, sondern eine Landkarte seiner Optionen — und darauf sollte er bestehen.
Warum «es kommt darauf an» kein Arbeitsergebnis ist
Ein Verwaltungsrat in der Krise muss unter Zeitdruck entscheiden, mit unvollständigen Informationen und mit der persönlichen Haftung im Hintergrund. Ein Memo, das die Pflichten nach Art. 725 ff. OR erläutert, aber nicht sagt, was der Verwaltungsrat konkret erwägen sollte, beantwortet eine Frage, die niemand gestellt hat.
Der ehrliche Kern rechtlicher Beratung in der Krise lautet oft «es hängt von den Fakten ab» — und ein guter Berater sagt das auch. Aber dieser Satz ist der Anfang der Arbeit, nicht ihr Ende. Aufgabe des Beraters ist es dann, die Szenarien aufzuzeigen, welche die Fakten zulassen, und was jedes davon kostet.
Die Szenarien, die ein Memo abbilden muss
Jedes Unternehmen in der Krise ist anders, aber die realistischen Wege stammen meist aus einer kurzen Liste. Ein entscheidungsreifes Memo benennt diejenigen, die tatsächlich offenstehen — und sagt ausdrücklich, welche verschlossen sind und warum. Typische Kandidaten sind:
- Stabilisieren und refinanzieren: frisches Eigenkapital oder neues Geld von bestehenden Beteiligten, kombiniert mit operativen Massnahmen.
- Eine aussergerichtliche Einigung mit den wichtigsten Gläubigern: Verzichte, Stundungen, Stillhaltevereinbarungen — diskret und flexibel, aber auf nahezu einhellige Kooperation angewiesen.
- Eine Nachlassstundung: das gerichtliche Moratorium, das geschützten Raum schafft, um einen Nachlassvertrag zu verhandeln oder einen Verkauf vorzubereiten.
- Ein Verkauf des Geschäfts oder seiner lebensfähigen Teile, innerhalb oder ausserhalb eines formellen Verfahrens.
- Die geordnete Insolvenzanmeldung, wenn die anderen Wege nicht finanzierbar oder nicht glaubwürdig sind.
Zeigt ein Memo nur einen Weg, fragen Sie, was mit den anderen geschehen ist. Zeigt es fünf, ohne sie zu gewichten, fragen Sie, welchen der Berater selbst wählen würde.
Was jedes Szenario ausbuchstabieren muss
Szenarien zu benennen ist einfach. Nützlich wird ein Memo, wenn jedes Szenario vier Dinge mitbringt.
Erstens die Machbarkeit: was das Szenario braucht, um zu funktionieren — wie viel Geld, wessen Zustimmung, welche Bedingungen — und eine ehrliche Einschätzung, ob diese Voraussetzungen hier realistisch sind.
Zweitens die Konsequenzen für den Verwaltungsrat: was jeder Weg für Pflichten und persönliche Exponierung der Mitglieder bedeutet, einschliesslich dessen, was der Verwaltungsrat während der Umsetzung tun und dokumentieren muss.
Drittens die Konsequenzen für Gläubiger und Mitarbeitende: wer voraussichtlich in welcher Grössenordnung etwas erhält; welche Verträge und Stellen in welchem Szenario überleben; welche Konsultations- oder Informationspflichten entstehen. Verwaltungsräte unterschätzen regelmässig, wie stark die Behandlung von Mitarbeitenden und Schlüssellieferanten darüber entscheidet, ob ein Plan hält.
Viertens die Entscheidungspunkte: die Termine oder Ereignisse, an denen der Verwaltungsrat wählen muss, welche Informationen er bis dahin haben wird und was standardmässig geschieht, wenn er nicht entscheidet. Sanierungen scheitern selten an einer falschen Entscheidung — sie scheitern daran, dass Entscheidungen nie ausdrücklich getroffen wurden.
Wie ein gutes Memo aussieht
Kurz. Ein Verwaltungsrat in der Krise braucht keine vierzig Seiten; er braucht die Szenarien, einen Vergleich, eine Empfehlung und die Auslöser — idealerweise mit offengelegten Zahlen und Annahmen, damit sie hinterfragt werden können. Es sollte datiert und versioniert sein, denn die Fakten werden sich bewegen, und das Memo muss sich mitbewegen.
Und es sollte unterschrieben sein, dem Inhalt nach, wenn nicht der Form: eine namentlich verantwortliche Anwältin oder ein Anwalt, die hinter der Empfehlung stehen und sie vor dem Verwaltungsrat verteidigen können. Strukturierte Entwürfe und Dokumentenprüfung lassen sich mit leistungsfähigen Systemen beschleunigen — wir nutzen sie selbst —, aber die Empfehlung ist eine menschliche Verantwortung, und der Verwaltungsrat hat Anspruch darauf zu wissen, wessen.
Wie Sie es einfordern
Wenn Sie in einer Krisensituation Rechtsberatung mandatieren, sagen Sie von Anfang an, was Sie wollen: kein Rechtsgutachten, sondern ein Optionsmemo. Stellen Sie dem Entwurf drei Fragen. Welche Optionen haben Sie ausgeschlossen, und warum? Was braucht jede verbleibende Option, um machbar zu sein — und haben wir es? Was müssen wir bis wann entscheiden, und was geschieht, wenn wir es nicht tun?
Ein Berater, der diese Fragen beantworten kann, berät Sie. Einer, der es nicht kann, deckt sich ab. Verwaltungsräte in der Krise brauchen Ersteres. Steht Ihr Unternehmen vor solchen Entscheidungen, besprechen wir gerne mit Ihnen, wie ein Optionsmemo für Ihre Situation aussehen würde.